EU-Handel untergräbt Biodiversitätsziele: Von der BOKU University geleitete Studie fordert Kurswechsel bei Biomasse-Produkten
Die Europäische Union verfolgt ambitionierte Umwelt- und Biodiversitätsziele – doch ihre aktuelle Handelspolitik konterkariert diese. Im Rahmen einer internationalen Kooperation wurde eine von der BOKU University geleitete Studie unter der Leitung von Nicolas Roux vom Institut für Soziale Ökologie durchgeführt. Sie zeigt: Der Biomasseverbrauch der EU liegt rund dreimal über dem ökologisch tragbaren Niveau. Gleichzeitig liberalisieren Handelsabkommen zunehmend den Austausch von Fleisch, Futtermitteln, Holz und Biokraftstoffen – Produkte, die besonders viel Biomasse und Landfläche erfordern und somit einen hohen Druck auf globale Ökosysteme ausüben.
„Unsere Forschung zeigt klar: Effizienzsteigerungen allein reichen nicht mehr aus“, sagt Roux. „Wir müssen unsere Produktion, unseren Handel und unseren Konsum an gewissen Produkten senken.“ Die Studie fordert verbindliche Obergrenzen für Biomasseproduktion, -handel und -verbrauch, insbesondere bei tierischen Produkten und bioenergetischer Nutzung. Derzeit verbraucht die EU durchschnittlich 0,92 Tonnen Biomasse-Kohlenstoff pro Person und Jahr – fast das Dreifache dessen, was planetare Grenzen erlauben. Um diese Lücke allein durch Effizienz zu schließen – und dabei Produktions- und Konsummengen konstant zu halten –, wäre eine fast vierfache Verbesserung erforderlich. Das ist eine unrealistische Aussicht und unterstreicht die Notwendigkeit von Suffizienz neben Effizienz.
Suffizienz im Handel verankern: fair, ökologisch und global gerecht
Die Studie kritisiert, dass die EU-Handelspolitik derzeit noch großteils dem Dogma der vollständigen Marktöffnung und Effizienzsteigerung folgt – bei dem ökologische Grenzen zu kurz kommen. Angestrebte Gesetze zur Handelspolitik, wie das Lieferkettengesetz und das Entwaldungsgesetz, wären sehr wichtig, reichen aber dennoch nicht aus. Roux und sein Team fordern zusätzlich eine „suffizienzorientierte Handelspolitik“, die Grenzen der Biomassenutzung anerkennt und soziale Gerechtigkeit mitdenkt.
Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:
• Zölle, Quoten oder Ausschlüsse für besonders biomasseintensive Produkte
• Kompensationszahlungen an betroffene Regionen in den Exportländern
• Umweltauflagen in Handelsverträgen, die Produktion und Konsum begrenzen
Ein zentrales Anliegen der Studie ist es, Handelsinstrumente so zu gestalten, dass sie weder zulasten einkommensschwacher Länder und Produzent*innen gehen noch von nationalistischen oder protektionistischen Interessen geleitet sind. Stattdessen sollen sie Kooperation und Solidarität fördern. Ziel ist es, nachhaltige Strukturen zu schaffen – etwa durch die Förderung pflanzenbasierter Ernährungssysteme, Investitionen in lokale Wertschöpfung oder Programme zum Schutz indigener Rechte. Suffizienz bedeutet in diesem Kontext nicht Verzicht, sondern eine bewusste Umgestaltung von Wirtschaft und Handel: Sie berücksichtigt Überfluss, reduziert ökologische Belastungen und stärkt die globale Solidarität.
„Suffizienz muss in erster Linie bei Produktion und Konsum ansetzen. Dennoch spielt die Handelspolitik eine entscheidende Rolle“, betont Roux.
Ein Beispiel aus Europa verdeutlicht dies: Dänemark verfolgt bereits eine Politik zur Reduktion der Viehhaltung im Inland. Ohne begleitende Handelsmaßnahmen könnten jedoch Importe diese Fortschritte zunichtemachen. „Setzt der Handel weiterhin falsche Anreize, bleiben nationale Umweltbemühungen wirkungslos“, warnt Roux. Die Studie versteht sich als Weckruf: Eine ökologische Transformation der Handelspolitik ist nicht nur möglich, sondern zwingend notwendig – für das Klima, die Biodiversität und die globale Gerechtigkeit.
Kontakt
Nicolas Roux, Dr. MSc.
BOKU University
Institut für Soziale Ökologie
Email: nicolas.roux(at)boku.ac.at
Telefon: +43 1 47654-73735